Fortsetzung Leseprobe 2Jetzt fühlte ich mich stark genug um an die Unfallstelle zu fahren, und nachher in die Klinik. Schweigend ging ich hinter Wolfgang her und setzte mich auf die Beifahrerseite im Auto. Gut, dass heute Sonntag war und Wolfgang für mich Zeit hatte. Alleine wäre ich nicht zurechtgekommen, ich war so verwirrt, dass ich unmöglich hätte Autofahren können. Jetzt kam eine stark spürbare Welle der Dankbarkeit auf mich zu. Durch meinen Körper strömte ein Gefühl, das sich wie ein warmer Luftzug anfühlte. Dankbarkeit, Freude, Liebe und vieles mehr beinhaltete diese Welle. Außer dem Dank an alle Helfer, spürte ich eine tiefe Dankbarkeit Gott gegenüber, für den Beistand in dieser extremen, schmerzhaften Situation. Immerhin war Andy bis jetzt noch am Leben, und Stunde um Stunde wuchs seine Chance auf einen Neubeginn. Ich konnte einfach nur dankbar sein für alles was mir in diesem Moment geschenkt wurde. Wir kamen dem Unfallort schon sehr nahe. Ich wurde nun wieder unruhiger. Schon von der Ferne konnten wir das zahlreiche blinken der Blaulichter sehen. Gnadenlos wurde mir wieder die Gefahr der derzeitigen Lage bewusst. Nach den angenehmen Gefühlen von vorhin, waren diese Gefühle jetzt wie eine eiskalte Dusche. Wie auf Kommando wurde mir in der Magengegend etwas übel. Die Gewalt, mit der jetzt das Leben zuschlug, war mit nichts zu vergleichen. Wie in einem schweren Unwetter ging all mein Fühlen innerhalb weniger Sekunden vollkommen durcheinander. Jetzt ging es um ein Menschenleben, um das Leben meines einzigen Sohnes. Noch dazu hatte er das Leben von zwei weiteren Menschen direkt gefährdet und natürlich auch jeden anderen, der ihm auf seinem Weg begegnete. Laut Polizeibericht war er nicht angeschnallt. So hatte ich gleich den Verdacht, dass auch Alkohol mit im Spiel war. Der Polizist, der den Einsatz geleitet hatte, kam nach einigen Minuten zu uns und klärte uns über den wahrscheinlichen Unfallhergang auf. Wenn wirklich der Alkohol die Ursache dieses Unfalls gewesen sein sollte, hatte er eine Last auf seine Schultern geladen, an der er später schwer zu tragen haben würde. Wenn Andy sterben müsste, geht er in die große Liebe des Lebens im Jenseits. Er geht zu Gott. Ich hatte abwechselnd Weinkrämpfe mit unerträglichen inneren Schmerzen und dann wieder eine starke Ruhe und Zuversicht in mir, dass mein Kind am Leben bleiben würde. Auf andere Menschen muss ich vollkommen durchgedreht gewirkt haben. Geduldig nahm mich Wolfgang zwischendurch in seine Arme und reichte mir immer rechtzeitig ein frisches Taschentuch. Meine Nervosität steigerte sich mit jeder Stunde die verging. Meine Augen, meine Nase und meine Lippen waren schon ganz rot und wund durch die vielen salzigen Tränen, die mir seit Stunden fast ununterbrochen über die Wangen liefen. So belastend dieses ständige weinen auch für mich war, es wirkte trotzdem auf mich sehr befreiend. Es löste diese Knoten im Hals und in meiner Brust. Immer mehr konnte ich mich mit dem Geschehenen abfinden. Ab dem Augenblick, da ich sowohl das Leben als auch den Tod annehmen konnte, ging es mir in der Seele wieder richtig gut. Auf meine Fragen wie es um Andy stehe, hatte der nette Arzt eine negative Antwort. Sein Leben stand immer noch auf Messers Schneide. In Krankenhaus Traunstein sagte der Arzt, wurde bis jetzt alles erdenkliche getan um sein Leben zu retten, nun müsse er nach Vogtareuth in eine Neurologische Spezialklinik verlegt werden. So wie es jetzt aussieht, sagte er, müsste vielleicht noch eine Notoperation am Kopf gemacht werden und dieses sei nur dort in dieser Klinik möglich. Hier in Traunstein hätte er keine Überlebenschance, sollte eine Operation nötig werden. Mit meiner linken Hand berührte ich die von Wolfgang, dieser fuhr sicher sein Auto hinter dem Krankentransport her und dankte ihm für die große, verständnisvolle Hilfe. Wie wäre ich jetzt verloren, ohne ihn. Nun war es schon Montag, der 30.10.00 kurz nach Mitternacht. Wir kamen in der Klinik Vogtareuth an und klingelten an der Nachtglocke, die sofort geöffnet wurde. Der Nachtportier zeigte uns einige Stühle, hier konnten wir warten. Er benachrichtigte auch sofort den zuständigen Arzt, dass ich, die Mutter des Verletzten, jetzt auch anwesend sei. Wolfgang nahm mich wieder beschützend in die Arme und gab mir so unsagbar viel Kraft, all das hier zu überstehen. Ja, Kraft konnte ich jetzt mehr als genug brauchen. Endlich war ich Andy auch körperlich sehr nahe. Jetzt konnte es nur noch kurze Zeit dauern, bis ich ihn sehen durfte. Ich war innerlich so voller Vorfreude, dass ich mich nur schwer stillhalten konnte. Gerade kam ein Arzt die Treppe herunter und steuerte auf Wolfgang und mich zu. Bei uns angekommen, schüttelte er uns mit ernster Miene die Hand. Er erklärte uns, dass Andy nun schon seit ca. 30 Min. im Operationssaal war. Es wurde ihm eine Kopfdrucksonde gelegt um den Druck im Kopf zu messen. Durch die Drucksonde war der Gehirndruck exakt zu messen. Bei Andy war das anschwellende Gehirn die akute Bedrohung, da die Gehirnzellen die absterben, niemals wieder voll ersetzt werden. Sollten wichtige Zellen kaputt gehen, könnte er nur mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung davonkommen. Noch war der Druck bei ihm in einem stabilen Bereich. Der Arzt erklärte uns, dass er jetzt noch weitere 15 Min. beobachtet wird. Wäre er dann noch immer so stabil wie jetzt, könnte ich ihn sehen. Sollte der Druck stark steigen müsste er schnell operiert werden um eine weitere Schädigung des Gehirns zu vermeiden. Der Arzt kam nach kurzer Zeit erneut auf uns zu. Er hatte immer noch einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. Doch ich spürte, dass er mit dem Verlauf der Dinge zufrieden war. Andy war noch immer stabil, also war nun der große Augenblick gekommen. Ich durfte ihn jetzt gleich sehen. Wolfgang und ich folgten dem Arzt in die Intensivstation und legten die vorgeschriebenen Schutzkittel an. Ich zitterte innerlich wie Espenlaub und doch war es ein Zittern voller freudiger Erwartung. Wir sind vor der Türe angekommen, die mich jetzt noch von Andy trennte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. POCH....... POCH....... POCH...... Ich konnte mir keine Vorstellung machen, was mich hinter dieser Tür für ein Anblick erwartete. Der Arzt öffnete diese langsam und ließ mich eintreten. Mein Herz drohte still zu stehen, meine Knie wollten nachgeben und für Sekunden stand ich vollkommen neben mir. Dieses Bild übertraf meine schlimmsten Ahnungen. Mein Denken wurde blockiert, ab jetzt bestand ich nur noch aus Gefühl, als wäre ich in diesen Sekunden zur reinen Liebe geworden. Mit Worten kann ich diesen abgehobenen Zustand nicht beschreiben. Ganz genau prägte ich mir alles ein, während ich an das Bett trat und nach der rechten Hand von Andy griff. Schlaff lag diese in den Meinen und mein Herz schien zu zerspringen. All diese Schläuche im Kopf, Nase, Mund und Arme. Er lag im Koma und wieder zog sich mein Herz für kurze Zeit schmerzvoll zusammen. Wieder dankte ich meinen Schöpfer für die hilfreiche Führung und legte vor Gott und vorm Leben einen für mich heiligen Schwur ab! In meinem Herzen habe ich Andy versichert: so wahr ich deine Mama bin und dir meine bedingungslose, ungeteilte Liebe gehört, so wahr werde ich in dieser schweren Krise zu dir stehen, genau so wie die Sonne für den Tag da ist und der Mond für die Nacht. |
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